Zwischen Kopf und Bauch: welche Rolle unser Mikrobiom bei Depressionen spielt

Fast in jedem Gespräch über Antidepressiva tauchen ähnnliche Fragen auf: Warum dauert es Wochen, bis sie wirken – und warum wirken sie bei der einen Person kaum, bei der anderen richtig gut? Die jüngere Forschung sucht nach Antworten auf diese Frage in unserem “zweiten Gehirn” – dem Darm. Und findet zunehmend Antworten auf Fragen zur Wirksamkeit von Antidepressiva.

Wenn wir uns die Rolle anschauen, die unser Darm möglicherweise bei der Entstehung und Genesung von Depressionen spielt, dann liegt die Frage nahe, ob ein bestimmtes Mikrobiom überhaupt anfälliger für Depression macht. Eine der bislang größten Studien dazu (Valles-Colomer et al., 2019) fand zwei Bakteriengruppen, Coprococcus und Dialister, die bei depressiven Menschen deutlich seltener vorkamen. Eine andere Bakterienart, Faecalibacterium, tauchte dagegen bei Menschen mit höherer Lebensqualität besonders häufig auf – sie ist bekannt dafür, Gamma-Aminobuttersäure (GABA) zu produzieren, dem wichtigsten hemmenden Neurotransmitter im Gehirn, der eine Rolle bei Schlaf, Entspannung und Regulation des Nervensystems spielt. Auch spannend: Die Forscher:innen fanden Hinweise, dass manche dieser Bakterien selbst Vorläuferstoffe für GABA herstellen können. Das Mikrobiom mischt hier also nicht nur am Rande mit, sondern könnte direkt beeinflussen, wie viel von diesen Botenstoffen überhaupt zur Verfügung steht. Die Zusammensetzung unseres Mikrobioms könnte damit einen Einfluss auf unsere mentales Befinden haben. Zheng und Kolleg:innen (2016) übertrugen den Stuhl depressiver Patient:innen auf Mäuse, die komplett keimfrei aufgewachsen waren – und diese Mäuse entwickelten daraufhin depressionsähnliches Verhalten. Allein die Übertragung des Mikrobioms reichte also aus, um das Verhalten der Tiere zu verändern.

Die Studienlage bei uns Menschen ist hier noch dünner und vielschichtiger. Was es aber inzwischen gibt, sind klinische Studien, in denen depressive Patient:innen Stuhl von sorgfältig gescreenten, gesunden Spender:innen gibt, in der Hoffnung, dass sich ihr Mikrobiom in Richtung eines gesünderen Profils verschiebt. Eine aktuelle Meta-Analyse von sieben randomisiert-kontrollierten Studien (Guo et al., 2026) fand über alle Studien hinweg zunächst keinen signifikanten Effekt – allerdings hatten fünf der sieben Studien depressive Symptome nur als Nebenbefund bei Menschen mit Parkinson, Reizdarm oder Stoffwechselerkrankungen erfasst. Beschränkt man die Analyse auf die beiden Studien mit tatsächlich diagnostizierter Depression, zeigte sich ein deutlicher, statistisch signifikanter antidepressiver Effekt – bei allerdings sehr kleiner Stichprobe von nur 33 Personen. 

Die zweite Frage ist eine andere: Wenn jemand bereits ein Antidepressivum nimmt, beeinflusst das Mikrobiom dann, wie gut es wirkt? Eine Studie mit 126 depressiven Patient:innen (Jiang et al., 20244) hat genau das untersucht und Menschen verglichen, die gut auf Antidepressiva ansprachen, mit solchen, bei denen die Behandlung kaum Wirkung zeigte. Bei den guten Respondern fanden sich deutlich mehr von den Bakterien Ruminococcus, Bifidobacterium und Faecalibacterium, während bei den Non-Respondern eher Keime wie Streptococcus überwogen, die in anderem Zusammenhang eher mit Entzündungsprozessen in Verbindung gebracht werden. So deutlich war der Unterschied, dass sich allein aus den Mikrobiom-Daten ziemlich zuverlässig vorhersagen ließ, wer auf die Behandlung ansprechen würde. 

Umgekehrt gibt es noch eine dritte Ebene: Verändern die Medikamente selbst das Mikrobiom? Eine große Studie mit über 1.800 Teilnehmenden (Communications Medicine, 2026) zeigte, dass eine Behandlung mit einem Antidepressivum eine bestimmte Bakteriengruppe, Clostridium sensu stricto 1, zuverlässig zurückgehen lässt – und zwar nur bei dieser Medikamentenklasse, nicht bei anderen Psychopharmaka. Ein Teil der Erklärung dafür ist der, dass viele Antidepressiva im Labor nachweislich direkt gegen Bakterien wirken, völlig unabhängig von ihrer eigentlichen Aufgabe im Gehirn (McGovern et al., 2019). Das zeigt sich auch in einem Experiment von Lukić und Kolleg:innen (2019), in dem fünf verschiedene Antidepressiva bei Mäusen eine bestimmte Bakterienart, Ruminococcus flavefaciens und ebenfalls depressive Symptome, zurückgehen ließen. Bekamen die Mäuse diese Bakterienart künstlich wieder zugeführt, während sie gleichzeitig weiter das Medikament erhielten, verschwand ein Teil des antidepressiven Effekts wieder. Ein Stück der Wirkung von Antidepressiva, die bisher komplett dem Gehirn zugeschrieben wurde, könnte also tatsächlich über den Umweg Darm laufen.

Bleibt die praktischste aller Fragen: Helfen Probiotika dann auch direkt gegen Depression, sei es vorbeugend oder begleitend zur Behandlung? Hier ist die Evidenz überraschend solide. Mehrere aktuelle Meta-Analysen aus 2025, die jeweils viele randomisiert-kontrollierte Studien zusammenfassen, zeigen, dass Pro- und Präbiotika Angst- und Depressionssymptome messbar lindern können, sowohl allein als auch begleitend zu einer bestehenden Behandlung. Für die reine Vorbeugung bei bislang gesunden Menschen ist die Studienlage dagegen noch dünn und große Langzeituntersuchungen fehlen bislang. Probiotika ersetzen also keine notwendige Behandlung, aber sie können ein risikoarmer Baustein in der Therapie sein, besonders als Ergänzung.

Das Mikrobiom ist vermutlich weder die Ursache von Depression noch die alleinige Erklärung dafür, warum Antidepressiva wirken oder eben nicht. Es ist ein Mitspieler, den die Forschung beginnt zunehmend ernst zu nehmen. Die ehrlichste Antwort auf die Frage, welche Rolle unser Mikrobiom bei der Entstehung und Behandlung von Depressionen spielt liegt wahrscheinlich irgendwo zwischen „der Darm entscheidet alles“ und „der Darm spielt keine Rolle“.

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