Wenn wir an Selbstfürsorge denken, dann kommt uns vielleicht das richtige Serum, die richtige Routine oder das richtige Supplement in den Sinn. An die simpelste Form der Selbstfürsorge und Selbstregulation, die wir alle gratis zur Verfügung hätten, denken wir dabei meist nicht: die eigene Berührung.
Dabei ist das bewusste berühren des Körpers mit warmem Öl eine der ältesten dokumentierten Selbstfürsorge-Praktiken – in der ayurvedischen Tradition ist es seit Jahrhunderten fester Bestandteil des Alltags. Die Selbstmassage mit Öl soll Stress reduzieren, den Kopf beruhigen sowie Entspannung und den Schlaf fördern. Warum das so ist, liegt unter anderem an bestimmten Nervenfasern in unserer Haut: C-taktile Afferenzen reagieren ausschließlich auf langsame, sanfte Berührung – ungefähr ein bis zehn Zentimeter pro Sekunde. Es ist in der Regel genau das Tempo, in dem eine Hand über die Haut streicht. Die Nervenfasern funken direkt an die Inselrinde – jenes Hirnareal, das emotionales Erleben und Körperwahrnehmung verarbeitet. Die Berührung wird dort vom Gehirn aktiv als angenehm bewertet. Sanfte Berührung setzt Oxytocin frei und aktiviert gleichzeitig den ventralen Vagus – den Teil des parasympathischen Nervensystems, der für „hier ist es sicher“ zuständig ist. Am Touch Research Institute in Miami hat Tiffany Fields Team in zahllosen Studien nachgewiesen, dass regelmäßige Massagen den Cortisolspiegel senkt und den beruhigenden Nervensystemzweig hochfährt. Und dem Gehirn ist es dabei ziemlich egal, ob die Hand, die da streicht, die eigene ist oder eine fremde.
Im Ayurveda wird für die Massage gereiftes Sesamöl empfohlen, also Öl, das über Monate gelagert wurde und dadurch dickflüssiger und intensiver wird. Ihm werden ausgesprochen wärmende Eigenschaften zugeschrieben – und genau das soll den schnellen, kühlen, rastlosen Qualitäten entgegenwirken, die unseren Alltag heute so oft bestimmen: das Springen von Termin zu Termin, das kalte Licht der Bildschirme, das ständige Multitasking. Aber auch Kokosöl ist eine wunderbare Alternative.
Falls du jetzt loslegen möchtest, dann erwärme das Öl – etwa 100 – 150 ml – in einer kleinen Schüssel im warmen Wasserbad angewärmt. Dann wird an Armen und Beinen in langen Strichen Richtung Herz massiert, an Gelenken wie Knien, Ellbogen oder am Bauch massieren wir in kreisenden Bewegungen. Das Öl darf danach zehn bis zwanzig Minuten einziehen (in der Zeit ruhig das Handy beiseite legen und stattdessen Musik hören, ein Buch lesen oder auch einfach nichts tun). Überschüssiges Öl wird anschließend mit einem alten Handtuch oder einem Küchenpapier abgenommen, bevor es unter einer warmen Dusche abgespült wird. Und zum Schluss: abtupfen statt rubbeln, damit ein feiner Ölfilm auf der Haut bleibt.
Für mich ist abends der ideale Zeitpunkt für das ayurvedische Ritual, um mich dann nach Massage und Dusche ins Bett zu legen und den Tag mit einem Schlummertrunk und einem Buch ausklingen zu lassen.
