Ist Neurohacking die Lösung? Wie wir gehirnfreundlicher arbeiten können

Vielleicht kennst du das: Im Arbeitsalltag gibt es immer wieder Situationen, in denen du dich überflutet fühlst von der Vielzahl an Aufgaben, Unterbrechungen oder Reizen. Und denen sich alles zu viel anfühlt und du dich in Folge dessen weniger konzentrieren oder motivieren kannst. Vielleicht kennst du Kolleg:innen, denen solche Situationen nichts anzuhaben scheinen. Die unter Zeitdruck oder einer hohen Arbeitsbelastung vielleicht sogar noch zur Höchstform auflaufen. Möglicherweise gehörst du sogar selbst dazu, während dir bei monotonen Aufgaben schnell langweilig wird und dir die Lust ausgeht.
Ob wir gut und motiviert arbeiten hat nicht nur mit Willenskraft oder Disziplin zu tun sondern hängt auch davon ab, ob die Umstände unter denen wir arbeiten, für unser Gehirn gut passen oder nicht. Und diese Umstände sind für jeden von uns ein klein wenig anders. Unsere Gehirne sind unterschiedlich, und das beeinflusst, wie wir am besten arbeiten. In diesem Artikel schauen wir uns an, warum manche unter starker Belastung aufblühen, während andere ein ruhiges Umfeld brauchen, um ihr Bestes zu geben. Am Ende wartet eine Übung auf dich, mit der du dein optimales Arbeitsumfeld herausfinden kannst.

Der umgekehrte U-Effekt: Warum Stress nicht immer schlecht ist

Wir benötigen ein gewisses Maß an innerer oder äußerer Aktivierung, um ins Tun zu kommen. Aktivierung entsteht beispielsweise, wenn meine Bürokollegin neben mir sitzt und mitbekommt, was ich arbeite. Auch Deadlines, Gespräche mit Menschen, deren Meinung mir wichtig, eine leistungsbasierte Vergütung oder ein Projekt, das mir persönlich am Herzen liegt sind Dinge, welche die Aktivierung steigern. Wenn ein gewisses Maß an Aktivierung erreicht ist, entstehen Motivation und Leistung. Lange dachte man, dass ein mittleres Maß an Aktivierung bei uns Menschen zur größten Leistung führt. Zu wenig oder zu viel Aktivierung und ich verspüre zu wenig oder zu viel Druck und komme in beiden Fällen nicht in meinen optimalen Leistungsbereich. Musst du beispielsweise eine wichtige Präsentation halten, bist du Wochen oder Tage vor dem Termin vielleicht noch entspannt und schiebst das Erstellen der Slides vor dir her, doch mit näher rückendem Datum steigt die Anspannung. Bis zu einem gewissen Punkt verbessert diese Nervosität deine Leistung, aber irgendwann wird der Stress zu groß, und die Qualität leidet.

Neuere Erkenntnisse aus dem Bereich der Neurowissenschaften und der Motivationspsychologie zeigen uns, dass wir noch individueller denken müssen, wenn wir verstehen wollen, wie wir wirklich gut und gerne arbeiten. Denn wir sehen, dass manche Menschen in einem ruhigen Arbeitsumfeld oder mit den immer ähnlichen Aufgaben, die anfallen, total aufblühen, während sich andere mit knappen Deadlines oder sich immer ändernden Prioritäten wohlfühlen. Wir brauchen also ein unterschiedliches Maß an Aktivierung, um unser persönliches Leistungsoptimum zu erreichen.

Das individuelle Erregungsniveau: Was unsere Neurosignatur verrät

In welcher Arbeitsumgebung wir uns wohlfühlen, liegt unter anderem an der Neurosignatur. Sie ist wie eine Art Fingerabdruck unseres Gehirns und wird unter anderem durch unsere Hormone und Neurotransmitter beeinflusst. Und unsere Neurosignatur beeinflusst dann wiederum unsere Persönlichkeitsmerkmale und Vorlieben. Dopamin steht beispielsweise in Verbindung mit Neugier, Innovationsfreude und dem Drang nach Neuem. Menschen mit starker dopaminerger Aktivität suchen oft Herausforderungen und werden schnell gelangweilt. Serotonin hingegen hängt mit Stabilität, Routinen und Zuverlässigkeit zusammen. Personen mit höherer serotonerger Aktivität bevorzugen Struktur und Vertrautheit.

Die Professorin Helen Fisher hat diese Unterschiede weiter spezifiziert und geht von vier Neurosignaturen bei uns Menschen aus:
Testosteron-Neurosignatur: Sie sind logisch und analytisch denkend sowie entscheidungsfreudig. Sie können oft klar zwischen einer Beziehungsebene und einer Inhaltsebene unterscheiden und scheuen sich nicht vor schwierigen Entscheidungen.
Östrogen-Neurosignatur: Diese Menschen sind empathisch, beziehungsorientiert, ganzheitlich denkend. Es sind häufig diejenigen in Arbeitsteams, die für Harmonie und das gute soziale Miteinander sorgen.
Dopamin-Neurosignatur: Sie sind innovativ, risikobereit und schnell gelangweilt. Unter hoher Aktivierung blühen sie auf. Sie mögen Veränderungen und Abwechslung, zu viele Routinen sind nichts für sie.
Serotonin-Neurosignatur: Diese Menschen sind loyal, strukturiert und routineliebend. Wiederkehrende Aufgaben und feste Strukturen sind gut und wichtig für sie. Sie profitieren insbesondere von niedriger Aktivierung.

Unsere Neurodiversität verstehen und nutzen

Wenn wir unsere eigene Neurosignatur und damit auch unser individuelles Aktivierungsniveau verstehen, können wir unser Arbeitsumfeld in kleinen Schritten so umgestalten, dass es uns mehr entspricht. Es geht also darum zu verstehen, was wir besonders gut können und gerne tun und welche Voraussetzungen wir dafür brauchen, anstatt zu versuchen, so zu sein wie der Durchschnittskollege. Die folgende Übung kann dir helfen dein eigenes Aktivierungsniveau besser kennenzulernen:

Schreibe einen durchschnittlichen Arbeitstag lang einmal alle Aufgaben, die du abarbeitest untereinander auf.
Notiere daneben, ob du dich dabei unterfordert, optimal aktiviert oder überfordert fühlst.
Reflektiere einmal: bist du jemand, der sich eher mit wenig, einer mittleren oder viel Aktivierung wohlfühlt?

Welche Aufgaben fallen dir besonders schwer, weil sie weit weg von deinem optimalen Aktivierungsniveau liegen?
Versuche für diese Aufgaben einmal Strategien zu entwickeln, um in Richtung deiner optimalen Erregung zu kommen:
Du kannst Aktivierung erhöhen indem du dir beispielsweise selbst Zeitlimits setzt, dich statt ins Home Office ins Büro oder in ein Café setzt oder du visualisierst, wie es sich anfühlen wird die Aufgabe erledigt zu haben.
Zu viel Erregung kannst du reduzieren indem du Noise-Cancelling-Kopfhörer nutzt, mehrere Male tief durchatmest, in Online-Meetings die Teilnehmeransicht ausschaltest, Email-Benachrichtigungen abstellst oder dich an einen ruhigen Ort zum Arbeiten zurückziehst.

Wenn wir verstehen wir unser Gehirn tickt, können wir nicht nur unsere eigene Arbeitsweise verbessern sondern anderen auch klarer kommunizieren, welche Aufgaben oder Positionen wir gerne übernehmen und welche uns weniger liegen. Wir hadern dann weniger damit, dass uns bestimmte Dinge schwer fallen sondern arbeiten Hand in Hand mit dem, wie unser Gehirn ausgestattet ist.

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