In vielen von uns steckt ein großes Bedürfnis nach Kontrolle. Wir kontrollieren schon abgeschickte E-Mails noch einmal auf Rechtschreibfehler oder kontrollieren mit Hilfe von Smartwatches und Oura-Ringen unseren Schlaf, unsere Herzrate, unseren Kalorienverbrauch und unsere Schrittzahl. Und auch grübeln ist eine Form der Kontrollausübung. Unser Gehirn bekommt durch das wiederholte Nachdenken über dieselbe Sache ein illusorisches Gefühl von Kontrolle, obwohl uns das Grübeln langfristig auslaugt und uns immer ängstlicher zurücklässt.
Warum haben wir so ein großes Bedürfnis, Dinge zu kontrollieren? Und was fühlen wir, wenn wir etwas mehr Kontrolle abgeben?
Kontrolle ist eines der vier großen psychologischen Grundbedürfnisse. Neben den Bedürfnissen nach Autonomie, einem positiven Selbstwert und dem Wunsch nach positiven Erlebnissen ist das Bedürfnis nach Kontrolle fest in uns verankert. Kontrolle bedeutet im Kern: “ich weiß, was als nächstes passiert”. Zu wissen was als nächstes passiert gibt uns Sicherheit und Sicherheit bedeutet für unser Gehirn: mein Überleben ist gesichert.
Wenn wir Dinge um uns und in uns kontrollieren, seien es unsere Kinder, unsere Partner, unser Essen oder unseren Körper, dann können wir kaum aufhören, darüber nachzudenken. Wenn wir kontrollieren, so bedeutet das immer, dass wir versuchen, dass unsere Ängste nicht wahr werden. Deshalb hören wir auch nie auf zu denken. Sobald wir anfangen zu kontrollieren, sind wir mit unserer Aufmerksamkeit in einer imaginären Zukunft. Du denkst darüber nach, was alles passieren könnte. Und es sind diese Vorstellungen, die in uns oft Angst auslösen, weshalb wir dann noch mehr kontrollieren.
Manchmal arbeite ich mit Menschen zusammen, die ihren Tagesablauf akribisch durchplanen. Von ihrem Essen, den Zeiten, zu denen sie Essen, ihren Sporteinheiten und ihrer Dauer bis hin zu den Zeiten, in denen sie arbeiten oder lernen, ist alles durchgeplant und kontrolliert. Gemeinsam verstehen wir, was die eigentliche Angst ist, die darunter liegt. Oft höre ich dann Sätze wie:
Wenn ich das nicht einhalte, fühle ich mich nutzlos.
Oder: Wenn ich so nicht funktioniere, habe ich Angst nicht mehr liebenswert zu sein.
Obwohl sich das kontrollieren für die meisten von uns nicht gut anfühlt, fühlt sich dieser Zustand für die meisten von uns immer noch besser an, als das Gefühl nutzlos oder nicht liebenswert zu sein.
Denn wenn wir aufhören würden zu kontrollieren, könnte es sein dass wir in einen noch viel unangenehmeren Gefühlszustand hineingezogen werden. Wenn wir nicht mehr kontrollieren könnte es sein dass wir uns minderwertig oder hilflos oder schuldig oder nicht liebenswert fühlen. Auch wenn sich das viele kontrollieren also nicht gut anfühlt, ist es für unser Gehirn immer noch weniger unangenehm, als in eines dieser ganz unangenehmen Gefühle einzutauchen.
Und dennoch laugt uns das ständige Kontrollieren aus, schürt weitere Ängste und führt dazu, dass wir kein Vertrauen in uns, unseren Körper, unsere Leistung oder auch unsere Beziehungen aufbauen können. Unser Kopf kommt nie zur Ruhe und unsere Grundannahmen haben keine Möglichkeit sich zu verändern.
Klar, komplett die Kontrolle abzugeben ist schwer vorstellbar. Und auch nicht nötig. Entscheidend für uns ist aber vielleicht die Frage: was möchte ich kontrollieren und wo gebe ich Kontrolle ab?
Wenn wir das entschieden haben, dann können wir anfangen in kleinen Momenten Kontrolle abzugeben. Und das bedeutet häufig vor allem weniger zu tun oder etwas nicht zu tun. Also die E-Mail nicht noch einmal zu lesen, die Smartwatch auszuziehen, das Abendessen gedanklich nicht schon vorzuplanen oder die Wahl des Restaurants den Freundinnen zu überlassen.
Disclaimer: Es fühlt sich anfangs überhaupt nicht gut an, Kontrolle abzugeben. Und das hat verschiedene Gründe. Erst einmal machen wir etwas anders als sonst. Wir kontrollieren weniger und vertrauen mehr. Unser Gehirn bemerkt das und hat die Tendenz, auf ungewohntes, neues Verhalten mit etwas Stress zu reagieren. Was zudem passiert ist, dass wir das Loslassen von Kontrolle oft unsere tieferliegenen Ängste aufflammen lassen. Die Angst dann nutzlos oder minderwertig oder nicht liebenswert zu sein. Aber genau hier liegt die Change, diese Annahmen zu überprüfen. Und wir sehen in den allermeisten Fällen, dass nichts passiert. Das einzige was uns langfristig erwartet, wenn wir Kontrolle abgeben, ist mehr Freiheit und ein größeres Vertrauen in uns selbst und andere.
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