Viele von uns überdauernd gestresst oder angespannt. Wir fühlen uns dann also nicht nur für die Dauer eines beruflichen Meetings oder einer schwierigen Telefonats angespannt, sondern erleben Stress als ein überdauernder, ja vertrauter Zustand, in dem wir uns befinden. Überdauernder Stress kann die Form von körperlicher Anspannung, schlechtem Schlaf, grübeln oder Gereiztheit annehmen. Auch das Gefühl immer etwas tun zu müssen und nicht wirklich in eine Erholung zu finden kann die Folge sein. Es ist oft weniger ein intensives Gefühl von akutem Stress und mehr ein Zustand des inneren Getriebenseins und der inneren Unruhe.
Zwei Dinge haben sich in unserem Leben in den letzten Jahrzehnten verändert, die dazu führen, dass immer mehr von uns genau dieses Gefühl des überdauernden gestresst seins erleben: Wir beenden einerseits einzelne Stressreaktionen für uns nicht mehr. Unser Gehirn und Nervensystem bekommen so keine Signale, dass die aktuelle Herausforderung vorbei ist. Andererseits aktivieren wir durch die Art wie wir Essen, schlafen, uns bewegen und auf Bildschirme schauen unser Nervensystem immer wieder. Was dabei entsteht ist eine so genannte “false anxiety”, also eine Art falscher Stress, der überdauernd in uns wirkt.
1. Unser Lebensstil kann körperliche Alarmreaktionen auslösen
Der erste Faktor ist unser moderner Lebensstil. Die Vielzahl an täglichen Anforderungen und die ständige Erreichbarkeit führt bei vielen von uns dazu, dass wir weniger oder unregelmäßiger schlafen, wir uns mit ein paar Tassen Kaffee oder Matcha durch den Tag helfen, wir unregelmäßig essen oder auf Convenient Food zurückgreifen und wir weniger Zeit in der Natur oder in Bewegung verbringen, als uns gut tun würde. Diese Faktoren führen dazu, dass in unserem Körper ein Stressalarm ausgelöst wird, obwohl keine echte Bedrohung vorliegt. Diesen Zustand nennt die amerikanische Psychiaterin Dr. Ellen Vora „False Anxiety“. Unser Gehirn spürt die körperliche Alarmreaktion und sucht anschließend nach einer Begründung für die Aktivierung. Und dafür nimmt unser Kopf meistens naheliegende Erklärungen her. Beispielsweise wird der bevorstehende Arbeitstag als Ursache für das schnelle Herzklopfen hergenommen oder die unaufgeräumte Wohnung und die lauten Kinder werden als Begründung für die erlebte innere Anspannung angeführt. Unser Lebensstil löst also in uns eine Alarmreaktion aus und unser Gehirn liefert eine naheliegende – wenn auch falsche – Begründung dafür. Und schwuppdiwupp fühlen wir uns überdauernd gestresst.
2. Die fehlende Erholungsphase nach einer Stressreaktion
Die zweite Ursache ist das Auslassen von Erholungsmomenten nach einem erlebten Stress. Früher war es normal, nach einer anstrengenden Situation eine Pause einzulegen. Nach einem anstrengenden Arbeitstag oder einem großen Projekt gab es Zeit, durchzuatmen. Nach einem hoch wurde ein tief gesetzt. Es gab Momente des Müßiggangs, des nichts Tuns, des Wartens und der Langeweile. Was unbedeutsam, ja vielleicht sogar eintönig klingt, war für unsere Nervensysteme so wichtig. Unser Körper braucht genau diese Pausen, um wieder zur Ruhe zu kommen. Ohne Erholungsphasen bleibt unser Nervensystem im „Aktiv-Modus“ hängen: im Anschluss an einen Arbeitstermin checken wir sofort unsere E-Mails oder das Handy, danach reiht sich oft direkt das nächste Gespräch mit Kolleg:innen oder der nächste Termin an. Auch mögliche Ruhephasen – beispielsweise das Warten in der Schlange am Supermarkt oder das Sitzen in der U-Bahn – werden mit dem Checken von Nachrichten auf dem Handy zu neuen, kleinen Stressmomenten für unser Gehirn. Der Stress wird chronisch, und wir drehen uns immer schneller im Hamsterrad.
Wie können wir aus einem überdauernden Gefühl von Getriebensein aussteigen?
Wenn du möchtest, dann versuche einmal bewusst Stressmomente in deinem Alltag zu identifizieren und danach bewusst eine kleine Phase der Erholung zu setzen. Nach einem Hoch als bewusst ein Tief zu etablieren. Das können 10 tiefe Atemzüge an den Punkt unterhalb deines Bauchnabels sein, die du nimmst, nachdem du auf diese anstrengende unangenehme E-Mail geantwortet hast. Es kann ein kurzer Spaziergang um den Block sein, bevor Du Dein Kind aus dem Kindergarten abholst. Es können drei Minuten sein, in denen Du die Augen schließt und Dich am ganzen Körper schüttelst (sehr entspannend für unser Nervensystem – ähnlich wie Pferde oder Hunde, die sich nach einer körperlichen Anstrengung schütteln) oder es kann sein, dass du beim Warten an der Supermarktkasse oder der Ampel einmal bewusst dein Handy in der Tasche lässt und den Blick ein wenig von links nach rechts schweifen lässt. All das sind kleine Möglichkeiten, um deinem System zu signalisieren, dass alles ok und du in Sicherheit bist.