Stress Verstehen: Warum Fühlen Wir Uns So Oft Überdauernd Gestresst?

Viele von uns erleben immer wieder längere Phasen des gestresst seins. Dass wir uns also nicht nur für die Dauer eines beruflichen Meetings oder einer schwierigen Telefonats gestresst fühlen, sondern Stress ein überdauernderer Zustand ist, in dem wir uns befinden. Überdauernder Stress kann die Form von körperlicher Anspannung, schlechtem Schlaf, grübeln oder Gereiztheit annehmen. Auch das Gefühl immer etwas tun zu müssen und nicht wirklich in eine Erholung zu finden kann die Folge sein. Es ist oft weniger ein intensives Gefühl von akutem Stress und mehr ein Zustand des inneren getriebenseins und der inneren Unruhe.

Zwei Dinge haben sich in unserem Leben in den letzten Jahrzehnten verändert, die dazu führen, dass wir heute häufiger überdauernd gestresst sind: Wir beenden einzelne Stressreaktionen für uns nicht mehr und wir aktivieren durch die Art wie wir Essen, schlafen, uns bewegen und auf Bildschirme schauen unser Nervensystem immer wieder. Was dabei entsteht ist eine so genannte “false anxiety”, also eine Art falscher Stress, der überdauernd in uns wirkt.

1. Die fehlende Erholungsphase nach einer Stressreaktion

Früher war es normal, nach einer anstrengenden Situation eine Pause einzulegen. Nach einem anstrengenden Arbeitstag oder einem großen Projekt gab es Zeit, durchzuatmen. Nach einem hoch wurde ein tief gesetzt. Es gab Momente des Müßiggangs, des nichts tuns, des wartens und der Langeweile. Heute sieht das oft anders aus. Was unbedeutsam, ja vielleicht sogar eintönig klingt, war für unsere Nervensysteme so wichtig.Unser Körper braucht genau diese Pausen, um wieder zur Ruhe zu kommen. Ohne Erholungsphasen bleibt unser Nervensystem im “Aktiv-Modus” hängen, und wir fühlen uns immer erschöpfter. Der Stress wird chronisch, und wir drehen uns immer schneller im Hamsterrad. Das ist bei vielen von uns heutzutage der Fall, wenn ein Meeting das nächste jagt, wir beim Warten an der Supermarktkasse unsere Mails checken und wir, statt abends abzuschalten,noch mit dem Handy oder Laptop beschäftigt sind.

2. Unser Lebensstil 

Der zweite Faktor ist unser moderner Lebensstil. Smartphones, Social Media, ständige Erreichbarkeit – all das sorgt dafür, dass unser Gehirn keine Pausen hat. Dazu kommen oft unregelßige Schlafenszeiten, zu viel Koffein, unregelmäßige Essgewohnheiten und eine Reizüberflutung. Auch abends scrollen wir oft noch durch Social Media oder schauen Serien, anstatt uns bewusst zu entspannen. Das blaue Licht der Bildschirme senkt unser Schlafhormon Melatonin, und wir kommen schlechter zur Ruhe.

Wie können wir aus einem überdauernden Gefühl von getriebensein aussteigen? Es geht nicht darum, unser Leben komplett umzukrempeln. Schon kleine Schritte können helfen:

Versuche einmal bewusst Stressomente in deinem Alltag zu identifizieren und danach bewusst eine kleine Phase der Erholung zu setzen. Nach einem Hoch als bewusst ein Tief zu etablieren. Das können 10 tiefe Atemzüge an den Punkt unterhalb deines Bauchnabels sein, die du nimmst, nachdem du auf diese anstrengende unangenehme E-Mail geantwortet hast. Es kann ein kurzer Spaziergang um den Block sein, bevor Du Dein Kind aus dem Kindergarten abholst. Es können drei Minuten sein, in denen Du die Augen schließt und Dich am ganzen Körper schüttelst (sehr entspannend für unser Nervensystem – ähnlich wie Pferde oder Hunde, die sich nach einer körperlichen Anstrengung schütteln).

Durch diese kurzen Momente der Erholung bekommt Dein Gehirn signalisiert, dass die Gefahr vorüber ist. Die Adrenalin- und Cortisolspiegel regulieren sich und Dein Körper hat die Möglichkeit von einem sympathischen Zustand der Aktivierung in einen parasymapthischen Zustand der Regeneration überzugehen.

Stress an sich ist nichts Schlechtes, aber unser Umgang damit hat sich verändert. Wenn wir uns bewusst Zeit für Erholung nehmen können wir den Kreislauf eines überdauernden Stressgefühls verlangsamen und aus ihm aussteigen. Kleine Schritte reichen oft schon, um einen großen Unterschied zu machen.

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