Authentizität: Können Wir Alle Noch Mehr Wir Selbst Sein?

Vielleicht kennst Du es auch, das Spannungsfeld zwischen dem Wunsch nach Zugehörigkeit und dem Bedürfnis, Du selbst zu sein. Unser Wunsch dazu zu gehören, gemocht zu werden, für gut befunden zu werden, ist riesig. Unser Gehirn ist darauf programmiert, sozialen Ausschluss zu vermeiden. Und wird das Bedürfnis nach Bindung immer über das Bedürfnis nach Selbstausdruck stellen. Wir passen uns also an, weil wir Angst vor Ablehnung haben. Es ist nicht so, dass wir eine Maske aufsetzen oder eine Show abziehen. Wir passen uns subtil an. Indem wir eigene Ideen, Bedürfnisse oder Wünsche gegenüber Partnern, Freunden oder Kollegen nicht aussprechen. Indem wir lächeln, wenn eine andere Person einen unangemessenen Witz macht oder wir nichts sagen, wenn unser Kollege unsere Idee als seine verkauft. Diese Anpassung führt zu einer inneren Spannung. Und diese innere Spannung führt langfristig zu dem Bedürfnis nach Distanz in diesen Beziehungen. Denn unser Gehirn registriert ganz genau bei welchen Personen wir wir selbst sein können und bei welchen wir einen Teil von uns selbst zurückhalten. Letzteres ist für unser Gehirn anstrengend, denn es muss das eigene Verhalten kontrollieren und anpassen. Es entsteht der natürliche Wunsch nach mehr Distanz zu dieser Person.

Authentizität in sozialen Beziehungen

Auf Dauer nahe und echte Verbindungen entstehen also, wenn wir uns authentisch zeigen. Wenn ich mit Patient:innen und Klient:innen über den Wunsch nach einem authentischen Sein spreche, entsteht manchmal die Sorge, dann impulsiv oder rücksichtslos zu werden. Durch eine radikal ehrliche Art andere zu verletzen und sich selbst zu wichtig zu nehmen. Der Unterschied zwischen Authentizität und schonungsloser Ehrlichkeit liegt in der Absicht, Verantwortung und Empathie. Es geht darum, sich so zu zeigen, wie man ist, ohne anderen unnötig weh zu tun. Aber ja, wenn wir authentisch wir selbst sind, dann wird das nicht jedem gefallen. Wir werden nicht von jedem gemocht werden. Wir stellen also unseren Wunsch nach Selbstausdruck über das Bedürfnis gemocht zu werden.

Ich arbeite häufig mit Menschen zusammen, die durch ihre Biographie gelernt haben, sich sehr subtil anzupassen, ja passend zu machen. Die nicht negativ auffallen, augenscheinlich unkompliziert sind, harmonisch. Vielleicht sind sie in Familien aufgewachsen, in denen die Eltern wenig Kapazität für die Bedürfnisse des Kindes hatten. Zuneigung und Lob gab es, wenn man unkompliziert war funktioniert hat. Vielleicht gab es auch ein Geschwisterkind, das viel Aufmerksamkeit benötigt hat. Für einen selbst war nur noch wenig Kapazität da, also hielt man innere Gedanken oder eigene Befindlichkeiten zurück, um das System nicht noch weiter zu belasten. Solche Erfahrungen lehren uns eigene innere Anteile zurückzuhalten. Bei einem authentischen Sein geht es genau darum: die inneren subtilen Befindlichkeiten, emotionalen Regungen und anklopfenden Bedürfnisse wahrzunehmen und ich frei zu fühlen die Außenwelt daran teilhaben zu lassen.

Wir haben gelernt in unserem Außen für Ruhe zu sorgen, und tragen dabei den ganzen Sturm in uns. Manchmal geht es darum dem Außen etwas mehr Sturm zuzumuten, um Ruhe im Inneren zu haben.

Für mehr Authentizität hilft es erst einmal sich bewusst zu machen, in welchen Momenten in unserem Leben wir uns in letzter Zeit authentisch verhalten haben und in welchen nicht. Du kannst Dich fragen:

Wo habe ich mich in letzter Zeit entgegen meinen Überzeugungen verhalten? Warum? Welche innere Haltung hatte ich in diesen Momenten? Was hätte ich gesagt oder getan, wenn ich diese innere Haltung nach außen vertreten hätte?

Sich authentischer zu zeigen ist ein Weg der kleinen Schritte. Indem ich in einzelnen Situationen etwas mehr von mir zeige, meine Meinung etwas mehr zumute. Und danach reflektiere, wie es mir damit gegangen ist. Wie sich das anfühlt, mehr zu mir zu stehen, und was das mit meiner Beziehung zu meinem Gegenüber macht.

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